Russlands Pferderassen

Hutten-Czapski schreibt in seinem Werk "Geschichte des Pferdes" (Berlin 1876) über die russische Pferdezucht folgendes: "Auf den unermesslichen Räumen zwischen dem Araxes und dem nördlichen Ocean, zwischen dem Dnjepr und dem Amur finden sich nur zwei heimische Racen, eine welche den östlichen und südlichen Theil Rußlands bewohnt und welche, in zahlreiche Verästelungen gespalten, unter dem allgemeinen Namen des tartarischen Pferdes begriffen werden kann, und die andere, welche über den Norden verbreitet und ebenfalls in verschiedene Familien zerfallen die finnische Familie repräsentirt. Zwischen diesen beiden heimischen und beständigen Racen Rußlands bildet in den mittleren, volkreichen und ackerbautreibenden Theilen des Kaiserthums eine Bastard-Art beider, das sogenannte Bauernpferd, und verschiedenartig gekreuzte Racen der ganzen Welt, in den Gütern und Gestüten des Adels das Renn- und Kutschpferd. Im Süden Rußlands jedoch, in den Gebieten des Kaukasus und jenseits desselben, in der Weltgegend, wo das vornehmste Menschengeschlecht seine Wiege hat, wo das russische Gebiet mit den südwestlichen Teilen Asiens, welche man für das eigentliche Vaterland des Pferdes hält, berührt, existieren Pferde edlerer Abkunft als die tatarischen sind, die den arabischen Pferden reinen Blutes ziemlich nahe kommen; ….. im Süden das karabakhische und tscherkessische (kabardinische) Gebirgspferd…..(Hutten-Czapski: Geschichte des Pferdes, Berlin 1876, S. 589 ff)

Vor allem die Regionen im und um den Kaukasus waren für ihre besonders arbeitswilligen und ausdauernden Pferde bekannt: trittsicher, belastbar, umgänglich und trotzdem schnell; das waren und sind sie noch heute: Dillbossen, Karabaghen und Kabardiner.

Über alle russischen Pferdezuchten und –rassen lässt sich wohl einheitlich eins sagen: alle ertragen Entbehrungen aller Art, seien es klimatisch bedingte, haltungsbedingte, fütterungsbedingte oder auch zuchtbedingte. Und von jeher waren es aber die Pferde, die ein Leben von Menschen in diesen unendlichen Weiten Russlands auch nur einigermaßen erträglich machten.

Zweifellos haben russische Pferde und alle die, die noch immer unter dem Begriff „russisch“ untergeordnet werden, viele gute Eigenschaften, die durchaus aus Zucht und Haltung der Pferde in Russland und dem angrenzenden ehemals sowjetischen Ausland resultiert.

Schlechte Pflege, mangelhafte Fütterung, vorzeitiger Gebrauch mit wenig „Einfühlungsvermögen“, übermäßiger Arbeitseinsatz bei geringem Futter, sowie wenig oder gar keine medizinische Versorgung haben das „russische“ Pferd zu dem gemacht, was wir an ihm schätzen: ein knochenhartes, zähes, anspruchsloses, und konditionsstarkes Pferd.

Keinem Einheimischen wäre es je in den Sinn gekommen, sein Pferd nach unseren westeuropäischen Gesichtspunkten auszusuchen, geschweige denn nach unseren Maßstäben zu züchten. Nicht der energieraubende Schwebetrab, oder der geschwungene Schwanenhals, nicht die akkurat gewinkelten Beine und Gelenke waren ausschlaggebend, nein alleine Leistungsbereitschaft, Umgänglichkeit, Ausdauer, und Zähigkeit spielten die entscheidende Rolle, um eines Pferdelebens würdig zu sein. Und genau danach richtete sich auch die Pferdezucht. Jedes Pferd eines der russischen Ursprungsrassen, ja selbst Kreuzungen mit nur geringem Blutanteil "russischer" Rassen leistet auf langen Distanzen unter unmöglichen Bedingungen, unter starken Belastungen und auf extremen Bergpfaden mit Reitergewicht und wenig, ja sogar keinen Kraftfutterzugaben noch heute Erstaunliches.

Diese Eigenschaft, trotz Ertragen von Hunger, Kälte, Dürreperioden und unvernünftiger Behandlung noch immer Großartiges zu leisten, ist den Pferden Russlands als Erbgut verliehen und im Laufe der Zeit durch unveränderte Existenzbedingungen auch weiter entwickelt worden. Diese Eigenschaften sind es auch, die uns Westeuropäer an diesen Pferden so faszinieren.

Nicht immer und zu allen Zeiten jedoch galt das Pferd in Russland auch als Partner und Weggefährte des Menschen. In Zeiten von Anarchie, Revolution und Krieg und den darauf folgenden chaotischen Zuständen schmolz der Pferdebestand –auch auf Anordnung von oben- und nahm rapide ab: „Privatbesitz, vor allem der an Pferden, ist aristokratisch und von daher höchst suspekt“

Leider erst viel zu spät erkannte man, welche Werte unwiederbringlich zu verschwinden drohten und schaltete den Rückwärtsgang ein. Einer derer, die mit viel Pferdeverstand und strengen Selektionskriterien, auch gegen die Gesetzgebung Lenins schon vor 1921 begonnen hatte, gute Pferde als Zuchtmaterial zu sammeln und zu sichten, um neue Wege in der Pferdezucht einzuschlagen, aber auch alte Werte in der Pferdezucht wieder neu zu beleben, war Kosakengeneral Semjon Michailowitsch Budjonny. Seine wohl größte Leistung war die Entwicklung des sog. Budjonnys, der gezüchtet wurde, um ein Pferd zu erhalten, das Rittigkeit, Schnelligkeit und Wendigkeit mit Eleganz, Tragfähigkeit und Ausdauer vereinte.

Zu dieser Zeit, so wird vermutet, war bereits die Hälfte des gesamten Pferdebestandes verloren. Viele Rassen waren schon dezimiert, bzw. durch Kreuzungszucht und sog. Veredelungskreuzungen nicht mehr reinrassig vorhanden (Achal-Tekkiner, Karabagh, Streletzker, Orlow-Rostopchiner, Aserbaidschaner). Statt dessen wurden andere neu entwickelt (Russischer Traber, Budjonny, Ukrainer, Anglo-Kabardiner, Tersker, Novo-Kirgise). Diese Pferderassen versuchen wir hier zu etablieren und ihre Eigenschaften auch in Westeuropa zu nutzen.       Verena Scholian

Kasachische Pferderasse: Dillbosshengst "Uselok"